13.01.2009 - www.corpusweb.net


Dance (Inside Paper):Session1


Die größte Gefahr ist geäußerte Liebe.

Composed by Captain Carey in collaboration with the media.

lieber christoph,

entschuldige den späten beginn. meine momentanen arbeiten fordern mich doch viel mehr als erwartet.
zur idee dir fragen zu stellen:
ich betreue die rubrik RAKETE im internet-magazin www.corpusweb.net und im letzten jahr veröffentlichte ich diverse kleine texte unter dem titel DANCE(INSIDE PAPER):xxxxxx. dieses format sind aktanten; ich sehe ein intuitives arbeitsfeld, um anders wissen zu publizieren.

(Den Ausdruck „Aktanten“ zu verwenden, ist ein Weg, die Position der Denker der Aufklärung einzunehmen, die die Chemie dem mechanischen Modell gegenüber stellten und es ablehnten, sie dem Ideal einer theoretischen Definition von chemischen Verbindungen zu unterwerfen. (...) Wenn darin eine Kunst liegt, dann deshalb, weil chemische „Aktanten“ als „aktiv“ definiert werden, ohne dass ihre Aktivität ihnen zugeschrieben werden könnte; sie ist von den Umständen abhängig, und es bedarf der Kunst der Chemiker, die Art von Umständen zu schaffen, in denen sie in die Lage versetzt werden, zu erzeugen, was der Chemiker will: Die Kunst der Katalyse, der Aktivierung und der Mäßigung. (Isabelle Stengers: Spekulativer Konstruktivismus)

mein vorschlag: ein e-mail-palaver sind nicht mehr als 5 fragen.
ich hoffe du findest gefallen an meinen fragen?
liebe grüsse
jack



 
 

Lieber Jack,

Ich entschuldige mich für mein spätes Reagieren. Ja, ich habe großes Interesse, mit Dir zu palavern.

Was treibt ein Musiktheater in die Radowanhalle am Yppenplatz?

Ein Musiktheater treibt an den Yppenplatz die Idee vom Verschwinden/Verstecken/Desinformieren. Die Korrumpierbarkeit der leisesten, kleinsten Kerne (flagshipstores mit leerem Schaufenster und Verkaufsraum – sie beraten im Keller). Das Ausstellen von Privatestem (try this at home). Der Restpostenhandel (freies, vernetztes Theater im deutschsprachigen Raum), die Müllhalde (Wiener Festwochen).  Sind wir die aasfressenden Wespen (Gema, Kuratoren, Lobbyisten) oder die Bananenschalensucher („Du, ich hab da n Projekt über Abschiebung”)? Hat da jemand vielleicht eine Partitur weggeworfen (Kafka) oder können wir jemanden beim Wegschmeißen beobachten (real time)? Was ist davon brauchbar und wer wäre dafür verantwortlich? Können wir die „musiktheatralischen” Zusammenhänge durcheinanderbringen? Die Radowanhalle war fast immer schon da. Sie hat sich im Oktober 08 bloß kurz mal verkleidet. Das war gar nicht auffällig, hat aber stattgefunden. Wie ein Mann, der als Frau mal U-Bahn fährt und durchtrainierte Machos erigieren dazu. Transformation mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln.

Wieviel Zufall steckt in euren Arbeiten?

Im Augenblick des Zeitschnitts der Betrachtung ist sowieso alles zufällig. Das Verwerfen von Funktionierendem ist die Hauptarbeit. Das Freilegen von Ungewohntem für den Akteur/Rezipienten. Die Sehnsucht nach Lächeln. Lächeln können wir nur, wenn etwas passiert, was wir noch nicht kennen. Das hat nichts mit dem Rätselraten in der „neuen” Musik zu tun. Alles muss sowieso nach Zufall aussehen, sonst ist es bewertbar und das wollen wir vermeiden. Der Zufall wird immer zu Hilfe genommen. Geschwätz (Frankfurter), Recherche (böhmisches Meer), dumme Gefühle (Love Songs), Reflektion (Justizpalast) , Überanstrengung (Batterie an der Backe), verknorpelte Virtuosität (Gomberg), veraltete, aber hochgeschätzte Kompositionsansicht (Nono), usw. wird verwendet. Die Lawine der vorbereitenden Arbeiten, nicht zuletzt das gestellte Thema, wird mit Absicht unbewältigbar gemacht. Das Ergebnis als Präsentation ist dann hoffentlich auch AUCH zufällig. Ich würde sagen: Ja, sehr viel Zufall – sogar in fertig geschriebenen Partituren.

Wie choreographiert das ensemble für städtebewohner Leidenschaft, Liebe und List?

Leidenschaft: Wer sich als Kind mit etwas beginnt zu beschäftigen, was sich 20 Jahre später als Spezialisierung im virtuosen Sinn herausstellt, ist leidenschaftlich. Dafür hab ich kein anderes Wort. Soviel als Abgrenzung zum Rimini-Spezialistenbegriff. Leidenschaft aus der Begrenzung der Mittel, ja auch der gefühligen,  heraus ist das interessantere Feld – sonst verlieren wir uns chabrolesk im Dickicht der Vorstädte und den Bürger hat immer nur Entgrenzung bewegt (Huh, ist das gruselig).

Liebe: ein Tabuthema. Hauptfeld. Uns interessiert die Äußerung von Liebe, nicht die Darstellung derselben; insofern auch nicht Choreographie in dem Zusammenhang. Die letzte Versuchsanordnung war: 5 Performer sagen sich gegenseitig ihre Liebe und/oder Zuneigung ohne Zuhilfenahme irgendwelcher Negativbeispiele. Wenn Einer fertig ist, singt er ein Liebeslied. Kein Zynismus, kein Spaß (?), keine Angst, keine billigen oder teuren Pointen. Unter Choreographie in diesem Zusammenhang verstehe ich das Diskutieren der politischen Dimension einer solchen Aufgabe im öffentlichen Raum (Gemüsehalle) während ausgedehnter Vorbereitungsgespräche.

List: die Londoner Innenstadtkarte im Harz zum Wandern zu benutzen hat mich und uns alle sehr beschäftigt (Debord). Eine Desorientierung für die Beteiligten. Die Sebald-Textverbreiterung im Oktober 08 in Wien hatte mit List sicher etwas zu tun, wobei ich es eher als intensive Suche nach verbleibenden Möglichkeiten sehe. Der Gitarrist Schaufelberger „haut sich immer auf die Finger”, wenn er sich bei zu viel Noten erwischt. Das kann ja nicht sein, dass Paganini außerhalb der Übungsräume immer noch was zu sagen hätte… „listig wenig spielen und listig viel Raum für Eigenverantwortung aufmachen” wäre vielleicht eine passende Formulierung für mein Interesse, wenn Du nach Choreographie von List fragst.

Könnten Tumult und Tanz eine Frage an eure Arbeit stellen?

Tumult als Irritation einer größeren Menge Öffentlichkeit.
Tanz als Konzentration auf körperliche Beschränkung.
 
 

Welche gefährliche Musik bringt ihr ein?
Wir bringen höchstens gefährdete Musik ein. Manchmal erkennt man sie ja nicht mal als Musik. Gefährlichkeit könnten wir durch eine Häufung von Gleichgesinnten mit derselben Verweigerungshaltung gegenüber PRODUKTivität erreichen. John Zorn beginnt jetzt damit, Scheißmusik auf die Murdoch-Seite (mySpace) zu stellen. Der hat trotzdem über 30.000 Freunde und war schon immer ziemlich gut gelaunt. Gute Qualität in Maßen kann man, glaube ich, vergessen. Gefahr erzeugt man durch gute Kommunikation und Störung der tötenden Verläufe (ich hätte mehr IT studieren sollen). Das soll möglichst nicht bemerkt werden, muss aber wirken. Die größte Gefahr ist geäußerte Liebe (das liest sich zu esoterisch).

Herzlich Grüße
Dein Christoph
www.ensemblefuerstaedtebewohner.com