Mailath-Pokorny präsentiert "Prototyp der Wiener Theaterreform"
derstandard.at (06.10.2005)


Freie Gruppe "ensemble für städtebewohner" stellt erste Pläne vor Wien - Als "Prototyp für die Wiener Theaterreform" präsentierte Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) am Donnerstag Vormittag bei einer Pressekonferenz das "ensemble für städtebewohner". Die 1989 in Hamburg von den Komponisten Ernst Bechert und Christoph Coburger gegründete Freie Gruppe hat als eine von zehn Gruppen neu einen längerfristigen Subventionsvertrag erhalten. Gemeinschaft von 16 Teams Mit der vierjährigen Konzeptförderung, die dem "ensemble für städtebewohner" jährlich 275.000 Euro sichert, befindet sich die Gruppe in Gemeinschaft mit 15 weiteren Teams, die insgesamt 3,7 Mio. Euro erhalten. Nimmt man die Zwei-Jahres-Förderungen hinzu, steigen die Zahlen auf insgesamt 24 Gruppen mit 4,4 Mio. Euro. "Jetzt wird sich zeigen, wie tief greifend die Auswirkungen der Reform sind", meinte Mailath-Pokorny und verwies auf die enge lokale wie internationale Vernetzung der Gruppe, die über keine eigene Spielstätte verfügt, sondern in dieser Saison in WUK, Schauspielhaus, Jugendstiltheater und dietheater Künstlerhaus auftreten wird. "Keine lauten Statements, kein Logo und möglichst keine Wiedererkennbarkeit", das sind laut Coburger die großen inhaltlichen Klammern der Gruppe, die aus einem Pool von Künstlern jeweils neue Produktionsteams bildet. Es gehe um "das Aufmachen der Betrachtungslücke": "Der Zuschauer soll nicht vollgeklebt werden mit etwas, das er bereits kennt." Was das konkret bedeuten könnte, davon kann man sich ab 23. Oktober ein Bild machen: An diesem Tag startet das "ensemble für städtebewohner" mit "Herr K und Frau N in concert" im Künstlerhaus. Dieses Konzert ist der Auftakt zu "Herr K und Frau N", einer "opera mono" von Coburger nach Alexandr Vvedenskij, die am 29.10. im Künstlerhaus-Theater uraufgeführt wird. Beides, begleitende Konzerte und Opern-Aufträge für Solo-Musiktheater, sollen Fixpunkte auch der folgenden Saisonen werden. Symbolische Telefon-Vermittlerinnen "Switch Echo" ist die Fortschreibung eines im September in London uraufgeführten Stückes des New Yorker Autors Adriano Shaplin, der sich mit der Technik-bedingten plötzlichen Arbeitslosigkeit von Telefon-Vermittlerinnen im Jahr 1919 beschäftigt. Für die deutschsprachige Erstaufführung im WUK am 9.12. durch Alexander Leiffheidt, die auch Musik von Chris Willis einbezieht, wird der Schauplatz nach Wien transferiert. Die auf einem Franzobel-Text basierende Produktion "Puppen" hatte bereits im Juni ihre Uraufführung in Zürich und kommt nun als Österreichische Erstaufführung ab 16.12. in das Jugendstiltheater. Angekündigt ist "eine fleischliche, leicht perverse Toy-Story", die sich "im Inneren einer Jahrmarktsorgel" abspielt. Dazu gibt es einen Abend mit "Schönen Liedern". Als letzte Produktion der Saison ist die Österreichische Erstaufführung der 2000 in Basel uraufgeführten Kammeroper "idiot" (27.2.2006, Schauspielhaus) angekündigt. Komponist Johannes Harneit hat zu ziemlich wüst klingenden Texten von Konrad Bayer "eine der schwierigsten Partituren, die ich kenne" (Coburger) geschaffen. Mit den Texten der Wiener Gruppe will man sich auch in den kommenden Saisonen stärker beschäftigen. Für "idiot" arbeitet man mit dem Klangforum Wien zusammen, Koproduktionen mit dem Neumarkttheater Zürich, dem farcry-theatre London und der Villa Elisabeth Berlin unterstreichen den internationalen Anspruch der Gruppe. "Wir gehören bestimmt nicht zu den Leuten, die Freies Theater machen müssten", betonte Coburger, aber für ihn sei "der künstlerische Freiraum in Wien 100-prozentig gesichert. Für Berlin etwa gilt das nicht."