Eine Puppe spielt uns mit - unheimlich
Tagblatt (02.07.2005)


Zürcher Festspiele: «Puppen» von Franzobel und Christoph Coburger am Theater am Neumarkt
«Puppen» ist der Beitrag des Theaters am Neumarkt zu den Zürcher Festspielen. Vier Puppenspieler ohne Puppen sind in eine Orgel verpuppt und machen uns kindlich froh und traurig. Was empfinden Puppen? Die Frage ist nicht mehr abwegig, wenn man aus dieser Jahrmarktsorgel in die gewohnte Welt tritt. Unsere Erwachsenenwelt kennt vielerlei Puppen, also Menschähnliches und Mensch-entstellendes. Etwa die Sexpuppe aus Plastik oder den digitalisierten Körper im Film; dazwischen wird mit lebenden Körpern umgegangen wie mit Puppen - Augen ausreissen (Krieg),quetschen (Liebe), aufziehen (Arbeitsplatz), Glieder verrenken (Mode), in den Innereien wühlen (Psychologie), die Nase ersetzen (Schönheitschirurgie) und endlich wegwerfen. Man kann mit Menschen alles machen, wenn man sie zu Puppen macht. Vielleicht sind wir ja doch infantil.
Total verfügbar Man kann das alles gut oder schlecht finden, dann in diesem seltsamen Orgelraum sitzen und perplex feststellen: Dieser Ort, Abglanz unserer erwachsenen Puppenwelt, ausgestattet von Sabine Mader, weiss nichts von Gut und Böse. Ein Paradies, unheimlich; ein Kinderparadies mit Spielen ohne Moral, zudem geschlechtlich unwissend. Der massige Matthias Breitenbach trägt Mieder. Die spektakulär weiblich geschminkte Sylvana Krappatsch spielt männlich mit «niederfickenden» Wörtern oder beschreibt gleichgültig ihre Nasenkorrektur, während Christian Wittmann im Frauenrock ihre Glieder zu Kunstposen drapiert, dass man meint, die Knochen brechen zu hören, wo er doch eben noch so schön Sätze aus lauter Verneinungen drechselte. Und während die Männer in der Kiste mit Krücken ein Kindermaul stopfen, kommt es als Bébé-Wortschwall aus Marianne Hamre heraus, die sehr erwachsen auf behindernden Schlittschuhen stöckelt. Und alle vier reden mit der Pygmalion-Geschichte einer Semmel Leben ein. Kinder! Doch diese Kinder, die mangels Puppen Puppenspieler und Puppen spielen, haben jeden Bezug zur Kindheit verloren. Die Lü-cke, den Abgrund dazwischen in-szeniert Regisseur und Komponist Christoph Coburger als mannigfache Trennungen. Die Mas-seuse - «Wann wird man schon so viel berührt wie bei einer Massage? Erst wieder als Leiche» - ist vom Klienten meterweit entfernt. Der sieche, prothesenhafte Text des österreichischen Vielschreibers Franzobel, der Realien zusammengekehrt hat, ist ein beliebig brauchbarer Sprachkörper, an keine Bedeutung gebunden. Das Miteinander der Puppenspieler ist aufgetrennt in Verfügungsgewalten jedes über jeden.
Vom Unverfügbaren Dem Trennenden - wir Zuschauer können die Lücken voll fantasieren oder das Interesse verlieren - stehen Zusammenhänge entgegen. Harmonisch zusammen kommen die Schauspieler in Goethes dressurmässig verfügenden «Regeln für Schauspieler», chorisch gesungen. Ebenso trennt und verbindet die Orgel - eine Rauminstallation mit Pfeifen, Trommeln, Lochkartenrad, Blasbalg und einem Gespinst von Schläuchen. Die Körper sind in diese Maschine integriert wie Chaplin in «Modern Times», treiben sie an und werden von ihr getrieben. Das Folterinstrument spielt unerhört, vom feinen Atempfeifen bis zum mitreissenden Jahrmarktsgeschrei. Wir sind mitten drin, das ist das Unheimliche. Drinnen in etwas Unerhörtem, das musikalisch und schauspielerisch genau justiert ist zwischen Gut und Böse. Das Ding ist voller Echos aus Kinderzeit und Erwachsenenwelt, eine paradiesische Hölle. Man möchte die Maschine stoppen und erträgt ihren minutenlangen Ausfall nicht. Man wird sich darin ganz befremdlich. Was uns beunruhigt, das benennen wir: Den vorzüglichen Theatermachern ist eine Puppe gelungen, mit der man nicht alles machen kann - eigentlich gar nichts. Unverfügbar. Das ist rar in unserer verfügenden Puppenwelt und eine Reise wert. Vorstellungen bis zum 10. Juli